Leseprobe 1:
Nach einem Foul der Nummer 10 überschlägt er sich mehrmals und findet sich direkt vor der Tribüne wieder. Das Stadion hat keine Laufbahn und so sind die Zuschauer recht nahe am Geschehen. Chris ist etwas benommen und als sein Blick wieder klar wird, schaut er in zwei tiefblaue Augen, die ihn anstrahlen.
Du bist sicher ein Engel und ich bin diesmal geradewegs in den Himmel geflogen, stammelt er.
„Keineswegs. Ich bin kein Engel oder hast du schon mal Engel im Rollstuhl gesehen. Und du bist nicht im Himmel, sondern liegst hier auf dem Boden, während deine Mannschaft Fußball spielt. Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass du mehr liegst als stehst. Das ist eine komische Art Fußball zu spielen.“
Erst jetzt realisiert Chris, dass er neben einem Rollstuhl liegt. Er ärgert sich über die schnippische Art des Mädchens. Sein Stolz ist verletzt. Die Röte steigt ihm ins Gesicht. Ruckartig erhebt er sich und rennt zurück auf den Platz.
„Du hast ihn verletzt und das weißt du. Mensch Brigitte, warum musst du immer jedem vor den Kopf stoßen.“
„Ach, Rita, lass mich in Ruh.“
Leseprobe 2:
Und tuts gut?“ Chris spuckt ihm ins Gesicht. Der nächste Schlag explodiert an seiner Augenbraue. Blut tropft aus einer Platzwunde.
„ Jungs, verschwindet, der Spass ist vorbei.“
Wie durch einen Nebelschleier sieht Chris eine junge Frau auf sich zu kommen. Schlanke Gestalt, lange schwarze Haare, dunkle Augen.
„Ich lach mich gleich kaputt. Verschwinde, du Türkenluder. Sonst bist du die nächste. Wir sind gerade so gut in Form“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren kommt sie näher. Die Männer lassen Chris los. Er fällt auf die Knie. Sein Schädel ist wieder einigermaßen klar und er stemmt sich hoch, um der mutigen Frau zu helfen, die sich ganz allein der Bande in den Weg stellt.
Keine Chance. Nach zwei, drei Schritten taumelt er und reißt beinahe Brigitte mit zu Boden.
Bleibt wo ihr seid. Ich besorgs dem Türkenweib als erster, dann kommt ihr dran Jungs.
Brutal zerrt der Anführer das Mädchen an ihren langen Haaren herum. Doch wider Erwarten wehrt sie sich gar nicht, sondern unterstützt die Bewegung noch, reißt dabei den Ellenbogen hoch und zerschmettert ihrem Peiniger die Nase.
Heulend geht er zu Boden. Blut läuft über sein Gesicht.
Das wirst du uns büßen.
Gleichzeitig stürzen sie sich auf sie.
Doch innerhalb von Sekunden liegen noch zwei Angreifer stöhnend auf der Erde.
Plötzlich blitzt ein Messer auf.
Ein hässlich knirschendes Geräusch. Danach ein langgezogener Schmerzensschrei.
Einer der Männer krümmt sich vor Schmerz. Die Klinge seines Messers hat die Hand durchdrungen und steckt tief in der Erde.
Der fünfte Mann verliert die Nerven und flüchtet mit seinem Hund.
Gelassen wendet sich die Fremde an die am Boden liegenden Männer.
„Jammert nicht und haut ab.“
Und tatsächlich! Die Männer helfen sich gegenseitig und verschwinden.
„Chris, sag doch was.“ Er sitzt vor Brigitte auf dem Boden und hält den Kopf. Brigitte packt ihn an den Schultern.
„Oh, bloß nicht schütteln.“
„Sind sie beide verletzt? Kann ich etwas für sie tun?“ Die Stimme der jungen Frau klingt besorgt.
„Mir geht es gut, Chris ist angeschlagen, aber hart im Nehmen. Und erst mal vielen, vielen Dank.“
Leseprobe 3:
„Du bist zu intellektuell, denkst zu viel nach. Du scheust das Risiko. Alles soll berechenbar sein. Instinkt, Impuls, Improvisation haben in deinem Leben wenig Platz.“
„Ist das so schlimm?“
„Prinzipiell nicht. Aber ich finde bei dir ist dieser Hang zur strukturierten Sicherheit so dominant, dass er dich zum Gefangenen macht. Das ist eigentlich das Gegenteil von Freiheit.“
„Aber ich kann doch nicht nur in den Tag hinein leben.“
„Das wäre das andere Extrem. Schau dir z.B. mein Leben an. 3.00 Uhr aufstehen. 3.30 Uhr in die Bäckerei. Etwa 13.00 Uhr zu Hause. Dieser Teil ist starr. Er lastet schwer auf mir. Diese eintönige Arbeit, sie muss getan werden. Ich brauche das Geld. Um so mehr freue ich mich auf Peter und dich. Bei euch beiden weiß ich nie, was mich erwartet. Das ist überraschend, manchmal anstrengend, dann wieder amüsant, witzig, einfach nur schön.
Ich stehe nicht im Rampenlicht, kann nie berühmt werden, höre so gut wie nie ein Lob, eine Anerkennung. Ich schaffe es gerade so, uns über Wasser zu halten. An manchen Tagen, wenn der Wecker klingelt, möchte ich mich unter die Bettdecke verkriechen, wenn ich daran denke, was mich heute wieder erwartet. Doch dann denke ich an euch beide. Das gibt mir Kraft.
Weißt du, wenn man heutzutage ein sogenannter gewöhnlicher Arbeiter ist, dann ist man ersetzbar. Massenware.
Manager, Firmenbosse in ihrer Profitgier, ihren Optimierungsstrategien, ihren effizienten, organisierten Arbeitsabläufen, Teamfähigkeitswahn, die beuten dich nicht nur physisch aus. Sie möchten dir auch jegliche Sicherheit nehmen, dich entlassen wann immer sie wollen. Dich 6 Monate später wieder einstellen.
Wenn sie selbst Mist bauen, hauen sie uns in die Pfanne. Und muss einer wirklich mal gehen, dann mit einer so horrenden Abfindung, dass dir schwindlig wird.
Beispielsweise die Arbeiter in unsere Großbäckerei werden so gedrückt, dass jegliche Herzlichkeit, die noch vor einigen Jahren zwischen uns bestand, wegrationalisiert wurde. Man kennt den anderen kaum noch, man hört nur noch „ keine Zeit „ oder „ sei still der Vorarbeiter kommt „.
Wenn du krank bist, musst du dich bei deiner Rückkehr rechtfertigen und sitzt da wie ein Idiot vor deinem Vorgesetzten. Alles unter dem scheinheiligen Deckmantel der Besorgnis um den Mitarbeiter.
Keiner vertraut mehr dem anderen und die psychischen Erkrankungen nehmen erschreckend zu. Und solche Idioten, die Menschlichkeit und Führungsstil auf Seminaren erst noch lernen müssen, und das für sehr viel Geld, sind absolut der Meinung, dass sie zur Elite unseres Landes gehören. Es ist zum Kotzen.“
Moni hat sich in Rage geredet und das Essen anbrennen lassen. Chris ist absolut verdutzt. So hat er sie noch nie erlebt.
„Moni. Was ist denn los. Deine Wangen glühen und deine Augen machen mir Angst.“
„Ach, Chris. Alles ist so frustrierend. Wenn es nur die Arbeit gäbe, ich würde es nicht aushalten. Weißt du es gibt kein Vertrauen mehr, kein Lachen und wenn du nicht mehr kannst, wirst du weggemobbt. Es warten ja genug Arbeitslose. Wenn wir bei Tarifverhandlungen 1,5% mehr bekommen, so heißt das, ihr ruiniert die Firma. Wenn du dann aber hörst, dass Manager, die 60 Jahre und älter sind 3 oder 4 Millionen Euro und mehr im Jahr verdienen, um Machtwahn und Wollust ausleben zu können. Rechne das mal auf das Monatgehalt um und dann sage mir, ob so ein alter Sack die Leistung erbringen kann, dass er das wert ist. Vor allem wenn man bedenkt, dass man von den gleichen Leuten nicht mehr eingestellt wird, wenn man auf die 50 zu geht. Mit der Begründung, man ist in diesem Alter den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Chris, ich könnte heulen.“
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